Stefan Nowotny: «Das Ereignis»

Inventionen / Vortrag vom 12. Oktober 2010 / Shedhalle, Zürich
Résumé von Gérôme Grollimund

Ein Ereignis, das ist etwas, was sich vom gewohnten Lauf der Dinge abhebt. Je nach Intensität vermag es mehr oder weniger Leute in Unruhe zu versetzten – immer jedoch, die Frage aufwerfend, was nun daran «neu und unerhört» ist.1

Aufgrund seiner inneren Mannigfaltigkeit und Komplexität existiert ein Ereignis nie für sich alleine. Durch die Tatsache, dass «Handlungsfaktoren ebenso wie Ereigniskomponenten darin eingehen können, die dem Handeln voraus liegen oder aber über seine Tragweite hinausreichen»,2 befindet sich das Ereignis stets inmitten eines Gewimmels von Ereignissen und ist daher kontigent.

Dadurch, dass kein bestimmtes Handeln das Ereignis als solches bewirkt, wird es erst zum Ereignis, in dem es auch nicht oder anders geschehen hätte können.

Dies resultiert aus der Tatsache, dass Ereignisse – vermeintlich unbedeutende Handlungen – solch erstaunliche Wirkungen produzieren können, denen keine Macht ihnen Einhalt gebieten kann.


Besonders im geschichtlichen Feld lässt sich heute eine Übertreibung und Fetischisierung des Ereignisbegriffes feststellen. Hiermit ist ein Prozess der Einteilung zu verstehen, der geschichtliche Entwicklungen in Ereignis und Gegen-Ereignis klassifiziert. Das Ereignis mutiert so zur «Schaltzentrale, von der aus eine ganze Grammatik, Syntax und Hermeneutik der Geschichte entworfen wird.»3

Verloren geht dabei die Auseinandersetzung mit dem geschichtlichen Geflecht aus konkreten Verhältnissen, Handlungen, Subjektivitäten, Experimenten, Verhandlungen und Konflikten.

Ist ein geschichtliche Ereignisse eine «Verständigung über einen geschichtlichen Raum und Ereignisraum, der von Mannigfaltigkeiten und Kontingenzen, von Öffnungen und Schliessungen, von der Entstehung von Neuem und von Irreversibilitäten durchzogen ist und in dem die Aufgabe nicht darin bestehen kann, Ereignis und Gegen-Ereignis feinsäuberlich voneinander ‘zu trennen’, sondern inmitten all dessen neue Plastizitäten selbst dort zu schaffen, wo das soziale und politische Terrain ausweglos verhärtet zu sein scheint»,4 bleibt im Blickfeld einzig eine vorentworfene Perspektive übrig.


Angetrieben durch den Wunsch, eine Frage nach dem Ereignis heraus zu bilden, begann man mit der poststrukturalistischen Theorie, den Ereignisbegriff in einen «schwachen» und einen «starken» Aspekt zu unterscheiden. Gleichsam bedeutend, sind stets beide Aspekte – ihre «Stärke» lässt sich nur im Hintergrund ihrer «Schwäche» verstehen und umgekehrt – Teil des Ereignisses.


Folgt man Stefan Nowotny, beschreibt der starke Aspekt die Erfindung oder die Invention.

«Die Erfindung ist ein Ereignis; das sagen schon die Worte selbst. Es handelt sich darum, zu finden, eintreten und sich ereignen zu lassen, was noch nicht da war. […] Das unmögliche muss möglich werden […]».5

Achtung, gänzlich falsch ist hier die aristotelische Leseweise, «der zufolge alle Möglichkeiten in einer vorgängigen Wirklichkeit gründet, in der sie als ‘Potentialität’ bereits beschlossen ist, um nur noch umgesetzt, ‘verwirklicht’ werden zu müssen.» Besser steht die Möglichkeit mit Ausgangsbedingungen in die verschiedene Elemente und Handlungen einzugehen, «deren Effektuierung sich aber nicht aus diesen Bedingungen, Elementen und Handlungen erklärt oder auf sie zurückführen lässt».7

Daraus erschliesst sich, dass das, was sie hervorgehen lässt, neu ist, wobei sich die Bedingungen, Elemente und Handlungen, die an diesem Neuen beteiligt sind, sich gewissermassen selbst verändern, da sie sich zuvor nicht enthielten.

So beschreibt der «starke» Aspekt den Zusammenhang von Emergenz, hingegen der «schwache» Aspekt mit der konstitutiven Mannigfaltigkeit und der grundlegenden Kontingenz des Ereignis zu tun hat.


Aus dieser nowotnyschen Überlegung wird ersichtlich, dass der schwache Aspekt gegen jegliche Arten von Mythologemen in der Betrachtung geschichtlicher Verhältnisse vorgeht.

Er bringt der Geschichte jene Ereignisse zurück, die sie durchwirken und zu verstehen geben, dass sie nicht nur die blosse weitere Entfaltung des Bestehenden ist. «Die ‘Differenz’, die zwischen Geschichte und Ereignis besteht, ist daher letzten Endes als eine Differenz zu verstehen, die nicht so sehr zwei realiter unterschiedliche Ordnungen betrifft, sondern vielmehr das Denken von geschichtlichen Verhältnissen selbst vor die Herausforderung stellt, auf der Geschichte enthobene Hilfskonstruktionen zu verzichten – ob diese etwa in der Konstruktion eines Anfangs oder Endes der Geschichte bestehen mögen oder auch in der Konstruktion von Zwangsläufigkeiten und Determinismen, denen die geschichtlichen Prozesse vermeintlich unterliegen.»8

Das poststrukturalistische Ereignisdenken erfordert somit ein offenes Feld von Mannigfaltigkeiten und Kontingenzen, das «einen neuen, sich bestimmter Mythologeme entledigenden Blick auf geschichtliche Prozesse erfordert».9


Ein besonderes Ereignis ist «das Auftauchen, die Emergenz von neuen politischen Subjektivitäten».10

Dieses Ereignis ist nicht bloss das «Auftreten einer weiteren Spielart von ‘kulturellen Artikulationen‘», auch nicht «das neueste Gewand, das sich im Prinzip wohlbekannte politische Haltungen und Strömungen überziehen», sondern das Hervorgehen lassen eines neuen «Subjekts der Äusserung», kurz, einer neue Subjektivierung. «Diese Subjektivierung bricht in einen historisch-politischen Zusammenhang ein, der nicht allein durch die Befestigung bestimmter Herrschaftspositionen und durch das Walten bestimmter Mechanismen gekennzeichnet ist, sonder auch – in unterschiedlichen Allianzen mit diesen – durch die ‘Zwänge’, ‘Notwendigkeiten’, ‘Unmöglichkeiten’, ‘natürlichen Gegebenheiten’ und ‘Kausalketten’, denen er vermeintlich unterliegt.»11

Daraus wird deutlich, dass die Bereiche des Historischen und des Politischen gerade nicht auf Verhältnisse der Determinierung reduziert werden können, sondern «Verhältnisse des Ausdrucks oder der Äusserung sind, einer Äusserung, an der nicht allein das von Bedeutung ist, was in ihr ‘über’ die Welt gesagt wird, sondern nicht weniger das, was sich in ihr als verkörperter Weltbezug, oder anders: als Selbstvollzug ‘in’ dieser Welt ausspricht. Der neue Name der aus dieser Subjektivierung hervorgehen mag ist somit Äusserung eines Vollzugs in dieser Welt, der die Bedingungen, denen er unterliegt und die insofern geteilte Bedingungen sind, transformiert.»12

Dieser neue Name überschreitet zugleich jene soziale Situation, indem er nicht sie ist, die ihn determiniert, sondern die in ihn investierte Subjektivierung.


1 Stefan Nowotny: Vortrag 12. Oktober 2010, Zürich. S.1.

2 ebd. S. 2.

3 ebd. S. 4.

4 ebd. S. 5.

5 ebd. S. 6.

6 ebd. S. 7.

7 ebd. S. 7.

8 ebd. S. 8.

9 ebd. S. 10.

10 ebd. S. 11.

11 ebd. S. 14.

12 ebd. S. 15.